Aus 15

Das ungerechte Fest

Ein Vater hat zwei Söhne. Der jüngste will nicht warten und verlangt schon jetzt seinen Anteil vom Geld. Er zieht los, gibt alles aus, und behält nichts übrig. Am Ende arbeitet er zwischen den Schweinen und hat solchen Hunger, dass er das Schweinefutter essen will.

Er beschließt zurückzugehen und übt unterwegs seine Entschuldigung.

Aber sein Vater sieht ihn schon von Weitem kommen. Er hat also Ausschau gehalten. Er rennt ihm entgegen, und es gibt ein Fest. Musik, Essen, alles.

Der älteste Sohn ist auf dem Feld. Er hört die Musik, er hört, was los ist, und er weigert sich hineinzugehen. All die Jahre, sagt er, habe ich hier gearbeitet. Und ich habe nie ein Fest bekommen.

Dann geht der Vater auch nach draußen. Zu ihm.

Was der älteste Sohn danach getan hat, steht nicht dabei.

Der Vater geht zweimal nach draußen. Einmal für das Kind, das wegging, und einmal für das Kind, das blieb.

Für heute

Kommt dir das bekannt vor?

Dein kleiner Bruder macht etwas kaputt und bekommt eine Umarmung. Du hast letzte Woche Ärger bekommen für etwas viel Kleineres. Du sagst nichts dazu, aber es setzt sich schon etwas in dir fest.

Oder das hier: Jemand, der das ganze Jahr nichts für die Gruppenarbeit getan hat, bekommt bei der Präsentation genau dieselben Komplimente wie du, der drei Abende drangesessen hat.

In so einem Moment bist du der älteste Bruder. Du hast nichts falsch gemacht — das ist genau der Punkt. Du hast alles richtig gemacht, und es scheint, als hätte niemand es gesehen.

Das ist eine einsame Art von Wut.

Sich für ihn freuen? Nö. Ich gebe ihm ein Fest, das er nie vergisst!

Schau mal in den Spiegel:

  • Wann hattest du das Gefühl, dass niemand gesehen hat, dass du es gut gemacht hast?
  • Wann warst du derjenige, der das Fest bekam, ohne es verdient zu haben?
  • Was möchtest du hören, wenn du draußen stehst und drinnen die Musik angeht?

Spiegelsatz

Am liebsten würde ich sagen, dass mir das Fest nichts ausgemacht hat, aber ich habe gelernt, dass du ruhig eifersüchtig auf ein Fest sein darfst — solange du es auch mal laut aussprichst.

Aus 4

Die kluge Frage

Es ist mitten am Tag und brütend heiß. ist müde vom Laufen und setzt sich an einen Brunnen.

Eine Frau kommt, um Wasser zu holen. Das ist merkwürdig, denn niemand holt Wasser in der größten Hitze des Tages. Wahrscheinlich kommt sie gerade dann, weil dann niemand da ist.

Und dann passiert etwas, das sich überhaupt nicht gehört. Er fragt sie etwas. *Gib mir doch etwas zu trinken.*

Das klingt klein, aber das ist es nicht. Sie gehört zum falschen Volk, sie ist allein, und eigentlich sollte er so tun, als würde er sie nicht sehen. Stattdessen bittet er sie um Hilfe — denn sie hat den Eimer, und er nicht.

Sie kommen ins Gespräch. Es wird das längste Gespräch, das im ganzen Buch von ihm beschrieben wird. Und danach erzählt sie es der ganzen Stadt.

Er beginnt nicht damit, etwas zu geben. Er beginnt damit, etwas zu fragen. Dadurch steht sie nicht ganz unten.

Für heute

Kommt dir das bekannt vor?

In deiner Klasse sitzt jemand, mit dem du nie redest. Nicht weil du etwas gegen ihn hast. Es hat sich einfach nie ergeben, und inzwischen wäre es komisch, damit anzufangen.

Wenn du nett sein willst, denkst du meistens ans Geben. Du fragst, ob er mitmachen will. Das ist lieb gemeint, aber es sagt auch: Ich stehe drinnen, du stehst draußen, und ich lasse dich rein.

Es gibt etwas, das besser funktioniert und sogar einfacher ist. Frag ihn etwas. Ob du seinen Radiergummi ausleihen darfst. Ob er weiß, wie du dieses eine Level schaffst.

Wer etwas fragt, macht den anderen für einen Moment zu demjenigen, der helfen kann.

Ein Gespräch anfangen? Viel zu viel Aufwand. Ich schaue einfach nie in die Richtung!

Schau mal in den Spiegel:

  • Mit wem in deiner Klasse hast du eigentlich nie geredet? Woran liegt das?
  • Was könntest du diese Person fragen, statt ihr etwas zu geben?
  • Wann warst du das Kind, das mitmachen durfte? Wie hat sich das angefühlt?

Spiegelsatz

Am liebsten würde ich einfach nie hinschauen, aber ich habe gelernt, dass man nicht gemein sein muss, um jemanden trotzdem nie zu sehen.

Aus 8

Wer traut sich zu werfen?

Eine große Gruppe Menschen kommt an und schiebt eine Frau vor sich her. Sie hat etwas getan, das nicht erlaubt war, und nach den Regeln jener Zeit darf sie dafür mit Steinen beworfen werden.

Sie stellen sie mitten in den Kreis. Jeder kann sie sehen. Und dann fragen sie : Und, was hältst du davon?

Er sagt nichts. Er bückt sich und schreibt mit dem Finger etwas in den Sand. Was er schrieb, steht nicht dabei. Niemand weiß es.

Sie fragen weiter. Dann richtet er sich auf und sagt einen einzigen Satz: Wer von euch selbst noch nie etwas falsch gemacht hat, darf den ersten Stein werfen.

Und dann bückt er sich wieder und schreibt weiter.

Es wird still. Und einer nach dem anderen geht weg. Die Ältesten zuerst.

In einer Gruppe traust du dich Dinge, die du allein nie tun würdest. Sobald jemand dich bittet, kurz nach innen zu schauen, fällt die Gruppe auseinander.

Für heute

Kommt dir das bekannt vor?

Auf dem Schulhof fängt jemand über einen Klassenkameraden an. Es kommt eine zweite Bemerkung. Dann eine dritte, mit einem fiesen Witz obendrauf. Innerhalb von zwei Minuten machen fast alle mit.

Du sagst auch etwas. Nicht das Schlimmste — du bist schlauer, du sagst etwas Lustiges. Alle lachen. Das fühlt sich gut an.

Abends im Bett denkst du noch einmal daran. Allein, ohne das Gelächter drum herum, klingt dein Satz plötzlich ganz anders.

Das Merkwürdige an einer Gruppe ist, dass sich niemand verantwortlich fühlt. Jeder denkt: Ich habe nur ein kleines Stückchen beigetragen. Zusammengezählt war es kein kleines Stückchen.

Dich nicht trauen zu werfen? Sag das doch einfach. Gib mir ruhig den größten Stein!

Schau mal in den Spiegel:

  • Was war das Letzte, was du über jemanden weitererzählt hast, obwohl du es genauso gut für dich hättest behalten können?
  • Was weiß jemand über dich, von dem du nicht willst, dass es auf dem ganzen Schulhof herumerzählt wird?
  • Wer könnte bei dir dafür sorgen, dass du aufhörst? Und du bei wem?

Spiegelsatz

Am liebsten hätte ich nur diesen einen Witz gemacht, aber ich habe gelernt, dass eine Gruppe dich nie verantwortlich fühlen lässt — auch wenn du es warst.