Die Spiegelbibel

Jahrtausendealte Geschichten darüber, wer du heute bist

Über dieses Buch

Auf der Vorderseite dieses Buches ist ein Spiegel. Der ist nicht nur zur Zierde.

Über Eifersucht auf jemanden, der es besser gemacht hat. Über Weitergehen, obwohl du hättest anhalten können. Über Sagen, dass jemand nicht wirklich dein Freund ist, weil andere zusehen.

Uralte Geschichten. Erst die alte Geschichte, dann — auf dem nächsten Bildschirm — dein eigenes Leben: der Schulhof, die Klasse, die Rückbank.Links steht die alte Geschichte, rechts dein eigenes Leben: der Schulhof, die Klasse, die Rückbank. Und darunter ein paar Fragen, auf die es keine richtige Antwort gibt. Manchmal gibt es auch einen Platz, um selbst etwas dazu aufzuschreiben — nicht um es zu lösen, sondern um es einfach loszuwerden.

Dies ist kein Buch, das dir sagt, was du denken sollst. Am Ende kommt keine Lektion. Was du glaubst, darfst du ganz allein herausfinden — dafür hast du dein ganzes Leben Zeit.

Ab etwa sechs Jahren zum gemeinsamen Lesen. Ab etwa zehn Jahren zum Alleinlesen, ohne jemandem zu erzählen, was du geantwortet hast.

Aus Liebe

Für Hugo,
Nora & Lily

Aus Liebe

Eine Grundlage für die Zukunft

Dieses Buch wurde extra für euch gemacht. Weil es mir so wichtig ist, dass ihr die jahrhundertealten, weisen Lektionen aus diesen Geschichten in euer eigenes Leben mitnehmen könnt, auch ohne dass unbedingt eine Religion daran hängen muss.

Ich möchte euch eine stabile Grundlage für die Zukunft mitgeben. Eine Grundlage aus Selbstakzeptanz und Vertrauen, aus Geduld und Empathie — nicht nur für die Menschen um euch herum, sondern vor allem für euch selbst.

Es steht euch völlig frei, später zu glauben oder nicht zu glauben, solange ihr die Welt und euch selbst nur mit einem offenen und sanften Blick anschaut.

Und ich hoffe, dass dieser Spiegel außer euch dreien auch vielen anderen Kindern helfen kann, ihren eigenen Weg zu finden.

Liebe Grüße,

Papa

Vorwort

Schau mal in den Spiegel

Vielleicht denkst du: Was soll ich mit jahrtausendealten Geschichten anfangen? Geschichten über Männer in langen Gewändern, weite Wüsten, Kamele und Holzboote?

Aber wenn du genau liest, sehen diese Menschen von früher genau aus wie du und ich. Sie hatten manchmal Angst im Dunkeln, wurden eifersüchtig auf jemand anderen, wollten der Boss sein oder wussten mal nicht mehr, was sie tun sollten.

Geschichten aus der Bibel wirken vielleicht wie alte Märchen. Aber ich sehe sie lieber als Spiegel. Ein Spiegel urteilt nicht und gibt keinen Rat — er zeigt nur, was da ist.

Wie funktioniert dieses Buch?

Lesen und nachdenken

Jedes Kapitel besteht aus zwei Bildschirmen. Zuerst liest du eine alte Geschichte und entdeckst, was eigentlich dahintersteckt.

Wisch zum nächsten Bildschirm, und wir holen die Geschichte in dein eigenes Leben. Auf den Schulhof, in die Klasse, auf die Rückbank.

Jedes Kapitel besteht aus zwei Seiten. Links liest du eine alte Geschichte und entdeckst, was eigentlich dahintersteckt.

Rechts holen wir sie in dein eigenes Leben. Auf den Schulhof, in die Klasse, auf die Rückbank.

Und unten stehen ein paar Fragen. Es gibt keine richtige Antwort. Und niemand muss deine Antwort hören.

Zu jeder Geschichte gehört auch ein Spruch des Hofnarren. Achte nicht darauf, was er sagt — er ist ein bisschen fies und hat noch überhaupt nichts aus den Lektionen dieses Buches gelernt!

Im Menü findest du auch "Meine Geschichte": ein eigener Platz zum Schreiben, der nur auf deinem eigenen Gerät gespeichert bleibt.

Nimm den Spiegel dazu. Was siehst du, wenn du hineinschaust?

Zur Einordnung

Ist das wirklich passiert?

Das wirst du dich unterwegs bestimmt fragen. In diesem Buch gibt es ein Boot, in das alle Tiere der Welt passen. Einen Busch, der brennt und nicht verbrennt. Einen Fisch, der einen Mann verschluckt und ihn drei Tage später wieder ausspuckt. Und am Ende ein Grab, das an einem Morgen plötzlich leer ist.

Ich werde dir nicht sagen, was du davon halten sollst.

Manche Menschen glauben, dass es genau so passiert ist. Andere lesen es als Bild: eine Art, etwas zu erzählen, wofür gewöhnliche Worte nicht ausreichen. Darüber wird schon seit Jahrtausenden diskutiert, von sehr klugen und sehr freundlichen Menschen auf beiden Seiten. Sie sind nie zu einem Ergebnis gekommen.

Zur Einordnung

Du musst jetzt auch nicht zu einem Ergebnis kommen

Du wirst merken, dass in diesen Geschichten einfach mitmacht. Er spricht, er fragt Dinge, er wird wütend und ändert seine Meinung. So steht es nun einmal geschrieben, und so erzähle ich es weiter.

Das heißt nicht, dass ich sage, dass es so ist. Es heißt, dass ich die Geschichte nicht umbauen werde.

Was daran wahr ist, darfst du selbst herausfinden. Dafür darfst du dein ganzes Leben brauchen.

In der Praxis

Wann liest du dieses Buch?

Es gibt Menschen, die jeden Morgen kurz still sind, bevor der Tag beginnt. Die am Tisch erst etwas sagen, bevor sie zu essen anfangen. Die abends auf ihren Tag zurückblicken. Und die sich einen Tag in der Woche freihalten, um über das nachzudenken, was wirklich zählt.

Das alles muss dieses Buch nicht. Aber es steckt etwas darin, das funktioniert.

Wenn du dieses Buch in einem Rutsch durchliest, ist es ein schönes Buch. Wenn du hin und wieder eine Geschichte liest, wird es etwas anderes.

Wähl selbst

Vier Momente

An einem festen Abend. Zum Beispiel sonntags, wenn die Woche gerade zu Ende ist und die neue noch nicht begonnen hat. Ein Kapitel. Nicht mehr.

Am Tisch. Nicht das ganze Kapitel — nur eine Frage, laut vorgelesen. Und jeder antwortet. Auch die Erwachsenen. Vor allem die Erwachsenen.

Kurz bevor du einschläfst. Kein Kapitel. Nur eine Frage: Was hast du heute fast nicht bemerkt? Manchmal ist das etwas Kleines, das schön war. Manchmal ist es jemand, der etwas für dich getan hat, ohne dass du es gemerkt hast. Manchmal ist es nichts. Und dann ist es nichts.

Oder gerade nicht zu einem festen Zeitpunkt. Wenn etwas passiert ist. Du warst eifersüchtig. Du bist weitergegangen, obwohl du hättest anhalten können. Dann such dir selbst das Kapitel, das davon handelt.

Du darfst dasselbe Kapitel in einem Jahr noch einmal lesen. Deine Antwort ist dann wahrscheinlich anders. Das macht nichts. Genau dafür ist ein Spiegel da.

Geschichten

Übersicht

Uralte Geschichten, übersetzt in alles, was du heute erlebst.

Dieses Buch ist noch nicht fertig. Nicht jede Geschichte aus der Bibel steht hier schon, und es kommen regelmäßig neue dazu. Ist eine neue Geschichte hinzugekommen? Dann siehst du das automatisch, sobald du die App das nächste Mal öffnest.

Die Geschichten

Oben stehen die verschiedenen Themen der Geschichten. Tippe auf ein Thema, um zu lesen, worum es geht, und welche Geschichten dazugehören.

Aus 1

Ordnung aus dem Chaos

Stell dir vor, es gibt noch gar nichts. Keinen Boden, keine Luft. Nur eine dunkle, wirbelnde Suppe aus Wasser und Wind. Es ist kalt, stockfinster und ein einziges großes Chaos.

Dann sagt : Es werde Licht. Und es wird Licht.

Aber mit Licht allein ist es noch nicht getan. Also beginnt das Aufräumen. Gott zieht Grenzen. Zum Wasser sagt er: Du gehst nach unten. Was darüber ist, nennen wir Luft.

Jeden Tag bekommt die Welt etwas mehr Form. Pflanzen wachsen empor, Wale schwimmen los, überall krabbelt alles Mögliche herum. Alles bekommt seinen eigenen Platz.

Und am siebten Tag, als das größte Projekt aller Zeiten fertig ist, setzt sich Gott hin. Schaut sich an, was da steht. Und ruht sich aus.

Chaos räumst du nicht auf, indem du alles gleichzeitig anpackst, sondern indem du Grenzen ziehst. Und Ausruhen gehört dazu. Das ist nichts für übrig gebliebene Zeit.

Themen

Zu heute

Kommt dir das bekannt vor?

Dein Zimmer. Lego auf dem Boden, Stifte darunter, Klamotten auf einem Haufen, Bücher halb vom Bett gerutscht. Und wenn du dann schlafen gehen sollst, klappt das nicht, weil sich dein Kopf genauso chaotisch anfühlt wie dein Boden.

Oder eine Woche. Montag Schule und Fußball, Dienstag Schwimmunterricht, Mittwoch eine Feier, und Donnerstag bist du geschafft. Das ist die wirbelnde Suppe.

Du kannst nicht alles gleichzeitig aufräumen. Aber du kannst eine Sache tun. Deine Stifte zusammenlegen. Oder sagen, dass du mittwochs nicht kommst. Eine Grenze reicht oft schon, um wieder Luft zu holen.

Aufräumen? Denkste. Ich kehre einfach alles unter den Teppich, das merkt doch sowieso nie jemand!

Schau mal in den Spiegel:

  • Wie fühlt es sich in deinem Bauch an, wenn um dich herum alles chaotisch oder sehr hektisch ist?
  • Was machst du am liebsten, wenn du mal gar nichts musst?
  • Wenn du eine Sache aus deiner Woche streichen dürftest, was wäre das?

Spiegelsatz

Am liebsten würde ich alles unter mein Bett stopfen und es chaotisch lassen, aber ich habe gelernt, dass man Chaos nicht auf einen Schlag löst — man fängt einfach bei einer Grenze an.

Aus 3

Auf einmal siehst du alles

und leben in einem Garten, in dem alles gut ist. hat ihnen eine einzige Regel gegeben: Lasst diesen einen Baum in Ruhe.

Und ja. Wenn etwas verboten ist.

Da flüstert eine Schlange: Nimm doch einen Bissen davon. Dann weißt du erst wirklich, wie die Dinge liegen.

Sie nehmen einen Bissen. Und sofort ist alles anders.

Ihre Augen gehen auf. Sie sehen die Welt nicht mehr als einen Ort, an dem alles von selbst gut wird. Sie verstehen, was Gefahr ist. Sie schauen an sich herunter und denken: wir haben ja gar nichts an.

Zum ersten Mal schämen sie sich. Sie verkriechen sich im Gebüsch und hoffen, dass niemand sie sieht.

Die Zeit, in der sie sich um nichts Gedanken machten, ist vorbei. Und sie kommt nicht mehr zurück.

Größerwerden bedeutet, dass du Dinge siehst, die du nicht mehr ungesehen machen kannst. Das ist Gewinn und Verlust zugleich.

Themen

Zu heute

Kommt dir das bekannt vor?

Du hörst aus Versehen etwas, das nicht für dich bestimmt war. Erwachsene, die sich in der Küche streiten, während sie denken, du schläfst. Oder etwas in den Kindernachrichten, an das du abends noch denken musst.

Früher hast du dir darüber keine Gedanken gemacht. Jetzt schon. Und du kannst nicht mehr zurück zu, wie es vorher war.

Oder das hier. Du sagst etwas Gemeines und siehst, wie sich das Gesicht des anderen verändert. In diesem Moment weißt du genau, was du getan hast. Dir wird ganz heiß, und du willst unsichtbar sein.

Sorry sagen? Lass ich lieber bleiben. Ich zeige einfach auf den erstbesten, der gerade in der Nähe steht!

Schau mal in den Spiegel:

  • Wann wolltest du dich am liebsten ganz klein machen?
  • Was weißt du jetzt, das du lieber nicht gewusst hättest?
  • Möchtest du zurück dorthin, wie klein du früher warst? Denk mal wirklich darüber nach.

Spiegelsatz

Am liebsten würde ich so tun, als hätte ich es nicht gehört, aber ich habe gelernt, dass man nicht mehr zurück ins Nicht-Wissen kann, so sehr man sich das manchmal auch wünscht.

Aus 4

Das grüne Monster

und sind Brüder. Beide bringen ein Geschenk. Kain bringt Getreide von seinem Feld, Abel bringt sein bestes Schaf.

Und dann passiert etwas Schmerzhaftes. gefällt das Geschenk von Abel. Das von Kain nicht.

Kain wird wütend. Nicht sofort — es beginnt mit einem Gesicht, das auf Gewitter steht. Gott sagt zu ihm: Pass auf, dieses Gefühl lauert wie ein Tier vor deiner Tür. Du kannst es beherrschen.

Aber er hört nicht.

Er fragt seinen Bruder, ob er mit aufs Feld kommt. Und dort schlägt er ihn tot.

Als Gott später fragt, wo Abel ist, sagt Kain: Woher soll ich das wissen? Muss ich etwa auf meinen Bruder aufpassen?

Es ist die erste Geschichte in der Bibel über zwei Menschen, die sich streiten. Und sie geht sofort so schlecht aus, wie es nur geht.

Eifersucht ist Trauer, die sich als Wut verkleidet. Weil sich diese Trauer so mies anfühlt, versuchst du sie loszuwerden, indem du den anderen kleiner machst.

Themen

Zu heute

Kommt dir das bekannt vor?

Du hast wochenlang deinen Text für das Musical geübt. Du kennst jedes Wort. Und wer bekommt die Hauptrolle? Das Mädchen, das gestern zum ersten Mal überhaupt vorbeigeschaut hat. Sie bekommt alle Komplimente.

Du sagst zu einem Freund: Die kann eigentlich überhaupt nichts.

Das ist das grüne Monster. Du hoffst, dass du selbst ein bisschen größer wirst, wenn du sie kleiner machst.

Es funktioniert übrigens nicht. Meistens fühlst du dich danach nur noch mieser.

Sich für sie freuen? Von wegen. Ich sage einfach, dass sie es sowieso nicht verdient hat!

Schau mal in den Spiegel:

  • Wann hast du etwas Gemeines über jemanden gesagt, der gerade etwas gut gemacht hatte?
  • Wo in deinem Körper sitzt Eifersucht bei dir? In deinem Bauch, deinem Hals, hinter deinen Augen?
  • Stell dir vor, du hättest die Hauptrolle bekommen. Hättest du dann gemerkt, wie sich der andere fühlt?

Spiegelsatz

Am liebsten würde ich sagen, dass sie gar nicht so gut war, aber ich habe gelernt, dass Eifersucht meistens einfach Trauer mit einer Verkleidung ist.

Aus 6

Bau dein eigenes Boot

Die Welt ist voll geworden von Streit und Lärm. Es ist ein einziges großes Durcheinander, und beschließt, noch einmal von vorn anzufangen.

Er gibt den Auftrag, ein riesiges Boot zu bauen. Mitten auf dem Trockenen. Alle biegen sich vor Lachen: ein Schiff auf dem Land, wie kommt man nur darauf.

Noah zimmert weiter. Jahrelang.

Als es fertig ist, geht er mit seiner Familie hinein, und von jeder Tierart ein Paar. Die Tür schließt sich.

Und dann fängt es an zu regnen. Das Wasser steigt und steigt, und draußen wird alles mitgerissen. Drinnen, zwischen den Holzwänden, ist es still.

Vierzig Tage. Und danach noch sehr lange warten, bis wieder Land da ist.

Einen Sturm aus Ärger kannst du nicht abstellen. Aber du kannst dir einen Ort schaffen, an dem er gerade nicht hinkommt.

Themen

Zu heute

Kommt dir das bekannt vor?

In deiner Klasse ist es unruhig. Streit auf dem Schulhof, gemeine Bemerkungen in der Pause, alle sind sauer auf alle, und keiner weiß mehr, wie es angefangen hat. Du wirst davon total müde.

Du wirst die ganze Klasse nicht ändern. Das kannst du nicht, und es ist auch nicht deine Aufgabe.

Was du aber kannst: nicht mitreden. Und zwei Leute aufsuchen, bei denen es ruhig ist, um etwas zu tun, das nichts mit dem Ärger zu tun hat.

Das ist dein Boot. Es ist nicht groß. Aber es schwimmt.

Alle mitnehmen? Vergiss es. Ich baue mein eigenes Boot und lass den Rest schön schwimmen!

Schau mal in den Spiegel:

  • Wohin gehst du, wenn es in deinem Kopf oder in der Schule zu viel wird?
  • Wen nimmst du mit an Bord?
  • Wann hast du bei Ärger mitgemacht, bei dem du eigentlich lieber außen vor geblieben wärst?

Spiegelsatz

Am liebsten würde ich einfach alle zurücklassen, die Streit anfangen, aber ich habe gelernt, dass man die ganze Klasse nicht ändern kann — man kann nur sein eigenes Boot bauen.

Aus 11

Der Turm, der zu hoch wurde

Alle Menschen auf der Erde sprechen dieselbe Sprache. Sie verstehen einander mühelos und können alles gemeinsam schaffen.

Dann kommt ihnen eine große Idee. Lasst uns einen Turm bauen, der bis in die Wolken reicht. Dann sieht jeder, wie großartig wir sind.

Der Turm wächst in die Höhe. Stein auf Stein auf Stein.

Und je höher er wird, desto weniger hören sie einander zu. Alle sind mit dem Turm beschäftigt, und niemand mehr mit den Menschen nebenan.

Dann bringt ihre Sprache durcheinander. Sie stehen nebeneinander und verstehen kein Wort mehr voneinander. Das Bauen hört auf, und alle gehen in eine andere Richtung.

Der Turm wurde nie fertig.

Sie sprachen alle dieselbe Sprache und verstanden sich trotzdem nicht. Das macht offenbar weniger Unterschied, als man denken würde.

Themen

Zu heute

Kommt dir das bekannt vor?

Du baust mit ein paar Freunden eine Hütte im Garten. Am Anfang läuft es gut. Aber je größer die Hütte wird, desto mehr will jeder seinen eigenen Kopf durchsetzen — der eine will ein Dach aus Ästen, der andere aus einer Decke, ein dritter findet, es sollte ganz anders sein. Alle rufen durcheinander, keiner hört zu.

Ihr sprecht alle Deutsch. Und trotzdem versteht ihr euch nicht.

Das Einzige, was hilft, ist kurz still zu sein, zu jemandem hinzugehen und einfach zu fragen: Sollen wir das so machen?

Ihm zuhören? Noch nie gemacht. Ich hoffe insgeheim, dass sein ganzer Turm einstürzt!

Schau mal in den Spiegel:

  • Merkst du auch, dass Rufen schneller zu Streit führt als einfach reden?
  • Wann hast du wirklich jemandem zugehört, der etwas anderes fand als du?
  • Bei wem würdest du dich heute lieber kurz hinsetzen, statt weiter dagegen anzuschreien?

Spiegelsatz

Am liebsten würde ich einfach weiterrufen, bis alle mit mir einverstanden sind, aber ich habe gelernt, dass man sich nicht besser versteht, indem man lauter ruft — nur indem man wirklich zuhört.

Aus 12

Der große Umzug

hat ein gutes Leben. Einen festen Platz, Familie um sich herum, alles vertraut. Und er ist nicht mehr jung.

Dann sagt zu ihm: Zieh weg von hier. In ein Land, das ich dir zeigen werde.

Keine Karte. Keine Adresse. Keine Ahnung, wie lange es dauert oder wie es aussieht, wenn er ankommt. Nur dass es gut sein wird.

Er packt seine Sachen. Er nimmt seine Frau mit, und seinen Neffen, und alles, was er besitzt. Und er geht zum Stadttor hinaus.

Was er zurücklässt, ist sicher. Was ihn erwartet, ist es nicht.

(Weiter im Buch heißt er Abraham. Das ist derselbe Mann; er bekommt unterwegs einen neuen Namen.)

Das Weggehen ist der schwierigste Teil. Nicht weil das Neue beängstigend ist, sondern weil das Alte sicher ist.

Themen

Zu heute

Kommt dir das bekannt vor?

Der Abend vor deinem ersten Tag an einer neuen Schule. Oder vor deinem ersten Training bei einem Verein, wo du niemanden kennst. Dein Magen zieht sich zusammen, und du willst am liebsten unter deiner Bettdecke bleiben, bis es vorbei ist.

Und dann gehst du trotzdem. Du fährst mit dem Rad hin, stellst es ab, gehst rein. Das ist der schlimmste Teil: diese zwanzig Meter.

Drei Wochen später fährst du einfach so hin, ohne groß darüber nachzudenken. Und du weißt nicht mehr genau, wovor du solche Angst hattest.

Aufbrechen? Ich glaube nicht. Ich bleibe schön zu Hause und tue so, als gäbe es den Rest der Welt nicht!

Schau mal in den Spiegel:

  • Was findest du am aufregendsten an etwas Neuem?
  • Wann stellte sich etwas Angsteinflößendes hinterher als total harmlos heraus?
  • Was würdest du tun, wenn du sicher wüsstest, dass alles gut wird?

Spiegelsatz

Am liebsten würde ich sagen, dass ich keine Lust hatte, aber ich habe gelernt, dass der schlimmste Teil von etwas Neuem fast immer nur zwanzig Meter lang ist.

Aus 22

Halt nicht zu fest

hat sehr lange auf einen Sohn gewartet. Als endlich da ist, ist er ihm alles.

Und dann verlangt von ihm das Schwerste, was es gibt. Er muss seinen Sohn hergeben.

Abraham sagt nichts zurück. Er steht früh am Morgen auf, sattelt seinen Esel und macht sich auf den Weg. Drei Tage laufen sie gemeinsam. Unterwegs fragt Isaak etwas, und Abraham gibt eine Antwort, die eigentlich keine Antwort ist.

Oben auf dem Berg, im allerletzten Moment, ruft ihm ein Engel zu. Halt. Tu ihm nichts.

Im Gebüsch steht ein Widder.

Sie gehen gemeinsam wieder hinunter. Aber nirgends steht mehr, ob sie unterwegs noch etwas zueinander sagten.

Das ist die schwierigste Geschichte des ganzen Buches, und niemand versteht sie ganz. Erwachsene auch nicht.

Themen

Zu heute

Kommt dir das bekannt vor?

Es gibt etwas, das dir sehr wichtig ist. Eine Freundschaft zum Beispiel. Und gerade weil du sie so gern behalten willst, verhältst du dich seltsam.

Du wirst wütend, wenn er mal mit jemand anderem spielt. Du fragst zum zehnten Mal, ob ihr noch beste Freunde seid. Du achtest darauf, wen er in der Pause anschaut.

Und dann passiert das Seltsame: Indem du so fest zudrückst, stößt du ihn weg.

Bei Dingen funktioniert es anders als bei Menschen. Je fester du einen Menschen festhältst, desto weniger bleibt dir von ihm.

Teilen? Auf keinen Fall. Ich halte ihn so fest, dass niemand sonst mehr in seine Nähe kommt!

Schau mal in den Spiegel:

  • Hast du schon mal jemanden so fest festgehalten, dass es beklemmend wurde?
  • Wie fühlt es sich an, wenn dir jemand keinen Raum lässt?
  • Was hältst du von dieser Geschichte? Du darfst sie auch einfach unangenehm finden.

Spiegelsatz

Am liebsten würde ich ihn für mich behalten, aber ich habe gelernt, dass dir umso weniger bleibt, je fester du einen Menschen festhältst.

Aus 28

Der besondere Stein

Jakob ist auf der Flucht vor seinem Bruder. Er hat ihn betrogen, und jetzt muss er weg.

Der Abend bricht herein, und er ist nirgendwo. Kein Dorf, kein Haus, kein Mensch. Er legt sich in den Sand und legt seinen Kopf auf einen Stein.

Und dort, auf diesem Stein, im schlechtesten Bett seines Lebens, träumt er. Er sieht eine Treppe, die vom Boden bis in den Himmel reicht, mit Engeln, die auf und ab steigen.

Als er aufwacht, schaut er sich um und sieht denselben leeren Sand wie am Abend zuvor.

Er sagt: war hier, und ich habe es nicht gewusst.

Dann stellt er den Stein aufrecht hin, gibt dem Ort einen Namen — , Haus Gottes — und geht weiter. Später bekommt selbst auch einen neuen Namen: Israel.

Jakob hat sich diesen Ort nicht ausgesucht. Er ist dort zufällig hingefallen, an seinem schlechtesten Abend — und stellt fest, dass er dort nicht allein war.

Themen

Zu heute

Kommt dir das bekannt vor?

Du fährst jeden Tag durch dieselbe Straße. Du kennst jede Pflasterfliese, und es gibt nichts Besonderes daran.

Bis du eines Morgens vor einem Spinnennetz stehen bleibst, das voller Tautropfen hängt und in der Sonne glitzert.

Die Straße war gestern genau dieselbe. Und vorgestern auch. Nur hast du nicht hingeschaut.

Das Merkwürdige ist, dass solche Momente meist nicht an den Tagen kommen, an denen du Lust darauf hast. Sie kommen, wenn du müde bist, oder zu spät dran, oder schlecht gelaunt.

Aufpassen? Warum sollte ich. An so einem langweiligen Ort passiert doch sowieso nie etwas Besonderes!

Schau mal in den Spiegel:

  • Wann hast du etwas ganz Gewöhnliches gesehen, das plötzlich schön war?
  • Was ist der langweiligste Ort, den du kennst? Was würdest du dort sehen, wenn du eine Minute lang stehen bliebst?
  • Was ist dein Stein — ein Ort, an dem etwas passiert ist, das du nicht vergisst?

Spiegelsatz

Am liebsten würde ich so tun, als hätte ich nichts Besonderes gesehen, aber ich habe gelernt, dass gerade die gewöhnlichsten Orte manchmal genau da sind, wo etwas Wichtiges passiert.

Aus 37

Der Traummantel im Brunnen

hat zwölf Söhne, und liebt er am meisten. Das verbirgt er nicht. Er schenkt ihm einen prächtigen Mantel, während die anderen nichts bekommen.

Josef zieht ihn jeden Tag an.

Und dann erzählt er auch noch seine Träume. Ich träumte von , sagt er, und eure verneigten sich vor meiner. Kurz darauf hat er noch einen: die Sonne und der Mond und elf Sterne verneigten sich vor mir.

Er erzählt es einfach so. Er sieht nicht, was es bewirkt.

Seine Brüder werden wahnsinnig vor Wut. Als er eines Tages aufs Feld kommt, werfen sie ihn in einen Brunnen. Kurz darauf ziehen sie ihn wieder heraus und verkaufen ihn an eine vorbeiziehende .

Seinen Mantel nehmen sie mit nach Hause. Ihrem Vater erzählen sie, dass Josef tot ist.

Bei Kain standst du neben jemandem, der mehr bekam. Hier bist du der andere. Josef tut nichts Gemeines. Er merkt nur nichts.

Themen

Zu heute

Kommt dir das bekannt vor?

Du holst dir eine richtig gute Note bei einer Arbeit, für die du kaum gelernt hast. Du erzählst es sofort. Und noch einmal. Und dann noch einmal, jemandem, der es schon gehört hatte.

Neben dir sitzt jemand, der drei Abende gepaukt hat und trotzdem eine schlechte Note bekommen hat.

Du machst nichts falsch. Du freust dich einfach.

Aber es gibt einen Unterschied zwischen sich freuen und es immer wieder erzählen. Und diesen Unterschied merkst du fast nie, wenn du selbst auf der guten Seite stehst.

Entschuldigen? Ach komm. Ich schubse ihn einfach in den erstbesten Brunnen, den ich finde!

Schau mal in den Spiegel:

  • Wann hattest du gute Nachrichten, während jemand neben dir gerade Pech hatte? Was hast du gemacht?
  • Was fällt dir leichter als anderen? Merkst du das selbst überhaupt?
  • Wer ist manchmal eifersüchtig auf dich? Weißt du das sicher?

Spiegelsatz

Am liebsten würde ich sagen, dass ich nichts falsch gemacht habe, aber ich habe gelernt, dass sich freuen und es einem anderen ständig unter die Nase reiben zwei ganz verschiedene Dinge sind.

Aus 3

Der Busch, der nicht verbrannte

passt auf die Schafe seines Schwiegervaters auf. Er ist weit weg von zu Hause und weit weg von allen. Früher wohnte er in einem Palast. Jetzt läuft er hier herum, mit einem Stock.

Dann sieht er etwas Merkwürdiges. Ein Dornbusch steht in Flammen. Aber er verbrennt nicht. Die Flammen lodern weiter, und der Busch bleibt stehen.

Er geht hin, um es genauer zu sehen. Und aus dem Feuer ruft seinen Namen.

Er bekommt einen Auftrag: Geh zurück, und hol dein Volk da raus.

Mose fängt sofort an zu widersprechen. Wer bin ich denn schon? Sie glauben mir nie. Ich kann doch gar nicht gut reden, das wissen Sie doch?

Viermal versucht er, sich herauszureden. Viermal.

Und dann geht er.

Mose wartet nicht, bis er sich mutig fühlt, denn das passiert nicht. Er geht, während er es immer noch beängstigend findet.

Themen

Zu heute

Kommt dir das bekannt vor?

Morgen ist dein Referat dran. Heute Abend im Bett denkst du an alles, was schiefgehen kann. Deine Stimme klingt komisch. Du vergisst deinen Text. Jemand lacht.

Du hoffst ein kleines bisschen, dass du krank wirst.

Und dann stehst du da, und es geht los. Der erste Satz ist am schlimmsten. Danach hörst du dich einfach reden, und ehe du dich versiehst, bist du bei deinem letzten Bild.

Die Nervosität verschwand nicht, bevor du angefangen hast. Sie verschwand, während du dabei warst.

Es einfach tun? Von wegen. Ich erfinde eine Ausrede und bin es für immer los!

Schau mal in den Spiegel:

  • Was schiebst du vor dir her, weil du es zu aufregend findest?
  • Welche Ausrede benutzt du am häufigsten?
  • Was würdest du tun, wenn du wüsstest, dass es nicht schlimm ist zu scheitern?

Spiegelsatz

Am liebsten würde ich sagen, dass ich es vergessen hatte, aber ich habe gelernt, dass die Nervosität erst verschwindet, sobald du wirklich anfängst.

Aus 20

Spielregeln in der Wüste

Das Volk ist frei. Es ist weg aus Ägypten und kann tun, was es will.

Und das geht schief. Denn wenn niemand etwas vereinbart hat, ist derjenige mit dem größten Mundwerk der Boss. Überall im Lager gibt es Streit: Wem gehört diese Ziege, wer darf zuerst an den Brunnen, wer hat das jetzt genau gesagt.

steigt den Berg hinauf. Unten wartet das ganze Volk, und der Berg selbst raucht und dröhnt, als stecke ein Gewitter darin. Dort oben gibt Mose zehn Vereinbarungen. Die ersten paar handeln von Gott selbst. Der Rest handelt davon, wie Menschen miteinander umgehen, und die sind kurz. Nimm nicht, was einem anderen gehört. Sag keine Dinge über jemanden, die nicht wahr sind. Sehne dich nicht ständig nach dem, was dein Nachbar hat. Und: einen Tag in der Woche tust du nichts.

Es sind keine Strafregeln. Es sind Vereinbarungen, die dafür sorgen, dass man miteinander leben kann, ohne dass es jeden Tag Streit gibt.

Mose kommt den Berg herunter, mit zwei Steintafeln in den Armen, von Gott selbst beschrieben.

Ohne Regeln gewinnt nicht die Freiheit. Ohne Regeln gewinnt der Stärkste.

Themen

Zu heute

Kommt dir das bekannt vor?

Fußballspielen auf dem Schulhof ohne Schiedsrichter und ohne Linien. Die ersten zwei Minuten macht es Spaß. Dann nimmt jemand den Ball in die Hand, ruft ein anderer, das war Abseits, und schon gibt es Streit.

Erst wenn ihr vereinbart habt, wo das Tor steht und was nicht erlaubt ist, könnt ihr wirklich spielen.

Zu Hause funktioniert es genauso. Diese Regel, dass Tablet oder Handy beim Essen weggelegt werden, ist nervig. Aber sie sorgt dafür, dass tatsächlich geredet wird.

Regeln befolgen? Denkste. Ich erfinde einfach meine eigenen Regeln — genau so, dass ich immer gewinne!

Schau mal in den Spiegel:

  • Welche Regel findest du zu Hause oder in der Schule am blödesten?
  • Wofür ist diese Regel eigentlich gedacht, glaubst du?
  • Welche Regel würdest du einführen, wenn du einen Tag lang das Sagen hättest?

Spiegelsatz

Am liebsten würde ich selbst die Regeln machen, die nur mir passen, aber ich habe gelernt, dass ohne Regeln nicht die Freiheit gewinnt, sondern der Stärkste.

Aus 14

Die zähe Wüstenreise

Sie sind unterwegs in ein neues Land. Es ist heiß, es ist anstrengend, und es dauert lange.

Zwölf Männer werden vorausgeschickt, um sich das Land anzusehen. Zehn von ihnen kommen mit schlechten Nachrichten zurück: Es ist wunderschön dort, aber die Menschen sind Riesen, und wir sind Heuschrecken. Zwei sagen: Wir schaffen das.

Man hört auf die zehn.

In dieser Nacht weint das ganze Lager. Sie sagen zueinander: Wären wir doch bloß in Ägypten geblieben, da hatten wir wenigstens zu essen. Sie vergessen kurz, dass sie dort Sklaven waren.

Und dann ziehen sie vierzig Jahre lang durch die Wüste. Unterwegs werden Kinder geboren und lernen im Sand laufen; sie wachsen auf und bekommen selbst Kinder, ohne jemals etwas anderes gesehen zu haben als Zelte und Stein. Erst ihre Kinder kommen an. Sie selbst nicht.

Mitten in einer Veränderung machen wir die Vergangenheit schöner, als sie war. Das ist keine Lüge. Es fühlt sich wirklich so an.

Themen

Zu heute

Kommt dir das bekannt vor?

Du bist seit drei Wochen an einer neuen Schule. Alles ist anders, du weißt noch nicht, wo du in der Pause sitzen sollst, und du vermisst deine alte Klasse auf einmal schrecklich.

Dabei hattest du dort oft keine Lust. Das weißt du eigentlich. Du fühlst es nur gerade nicht.

Das ist der schwierigste Teil. Nicht der Anfang und nicht das Ende, sondern die Mitte. Das Alte ist weg, und das Neue ist noch nicht da.

Das dauert bei jedem eine Weile. Und bei niemandem genau gleich lange.

Durchhalten? Soll er doch selbst sehen. Ich lasse ihn einfach zurück mit seinem ganzen Gejammer über früher!

Schau mal in den Spiegel:

  • Womit wolltest du aufhören, weil es zu lange dauerte?
  • Welches Früher machst du manchmal schöner, als es war?
  • Was hilft dir, wenn du mittendrin in etwas steckst, das noch nicht fertig ist?

Spiegelsatz

Am liebsten würde ich sagen, dass ich nie wieder hingehe, aber ich habe gelernt, dass der schwierigste Teil immer die Mitte ist — nicht der Anfang und nicht das Ende.

Aus 17

Der Hirtenjunge und der Riese

Zwei Heere stehen einander gegenüber, und nichts passiert. Jeden Tag tritt hervor und ruft: Schickt doch einen rüber, dann kämpfen wir es unter uns aus. Er ist riesig, und niemand traut sich.

Vierzig Tage lang.

Dann bringt seinen Brüdern etwas zu essen. Er hört es und sagt: Ich mache das.

König Saul legt ihm eine an. Einen Helm, ein Schwert, die ganze Ausrüstung. David macht drei Schritte und sagt: Darin kann ich nicht laufen, ich habe das noch nie getragen.

Er zieht sie wieder aus. Er nimmt seinen Stock und sucht sich fünf glatte Steine aus dem Bach.

Goliath sieht ihn kommen und fängt an zu lachen.

Und dann geht alles ganz schnell.

Die Rüstung ist das Gefährlichste an dieser Geschichte. Sie soll dich eigentlich schützen, aber in der Rüstung eines anderen kannst du dich nicht bewegen.

Themen

Zu heute

Kommt dir das bekannt vor?

Du machst mit den großen Kindern mit. Sie schubsen und ziehen und sind zwei Köpfe größer. Wenn du das auch versuchst, liegst du innerhalb einer Minute am Boden.

Aber du bist schneller. Und kleiner. Und du siehst Lücken, die sie nicht sehen.

Das gilt nicht nur beim Sport. Jemand in deiner Klasse kann sehr gut reden, und du nicht. Versuchst du ihn nachzuahmen, hörst du selbst, dass es aufgesetzt klingt. Sagst du einfach das, was du selbst sagen würdest, hörst du, dass es stimmt.

Angst haben? Noch nie gehört davon. Ich mache diesen nervigen Rüpel einfach einen Kopf kleiner!

Schau mal in den Spiegel:

  • Wessen hast du dir schon mal übergezogen?
  • Was kannst du, das nicht so ist wie das, was die anderen können?
  • Wann hast du dich klein gefühlt gegenüber etwas Großem? Was hast du da gemacht?

Spiegelsatz

Am liebsten würde ich genauso hart auftreten wie er, aber ich habe gelernt, dass man jemanden nicht besiegt, indem man seine Rüstung anzieht — nur indem man man selbst bleibt.

Aus 3

Der kluge König

ist gerade erst König geworden und noch jung. Zwei Frauen kommen zu ihm, die beide behaupten, dasselbe Kind sei ihres.

Es gibt keine . Es gibt keine Beweise. Es ist das Wort der einen gegen das der anderen.

Salomo denkt nach. Und dann sagt er etwas Schreckliches: Holt ein Schwert. Wir teilen das Kind in zwei Hälften, dann bekommt jede die Hälfte.

Eine der beiden sagt: Gut. Macht das. Dann hat keine von uns ihn.

Die andere schreit: Nein! Gebt ihn dann lieber ihr. Hauptsache, er bleibt am Leben.

Und dann weiß Salomo genug. Gebt das Kind der zweiten Frau, sagt er. Sie ist die Mutter.

Salomo fragt nicht, wer recht hat, denn das behaupten beide. Er schafft eine Situation, in der man sehen kann, wer bereit ist, etwas zu verlieren.

Themen

Zu heute

Kommt dir das bekannt vor?

Ihr zieht zu zweit an derselben Sache. Beide ruft ihr, dass sie euch gehört.

Und irgendwann geht es nicht mehr um die Sache. Es geht darum, dass du nicht nachgeben willst.

Du hörst es knacken. Und du ziehst noch einmal.

Wenn dann einer von euch loslässt, denkt der andere meistens: gewonnen. Aber derjenige, der losgelassen hat, war derjenige, der noch wusste, worum es eigentlich ging.

Nachgeben? Auf keinen Fall. Ich drücke weiter, bis es bricht — nur um zu gewinnen!

Schau mal in den Spiegel:

  • Wann hast du so sehr um recht haben gekämpft, dass du vergessen hast, worum es ging?
  • Was möchtest du nicht kaputtgehen lassen, auch wenn du dafür verlieren würdest?
  • Wann hat jemand für dich losgelassen? Hast du das gemerkt?

Spiegelsatz

Am liebsten würde ich weiterquengeln, bis ich recht bekomme, aber ich habe gelernt, dass wer zuerst loslässt, oft am besten weiß, worum es wirklich ging.

Aus 38

Wenn plötzlich ein Sturm aufzieht

Hiob verliert in kurzer Zeit alles. Seine Tiere, sein Haus, die Menschen, die er liebte. Danach wird er auch noch krank. Er sitzt im Staub und versteht überhaupt nichts mehr.

Drei Freunde kommen vorbei. Sieben Tage lang sagen sie nichts. Sie sitzen nur neben ihm.

Dann fangen sie an zu reden, und alle drei sagen dasselbe: Du musst etwas falsch gemacht haben.

Hiob fragt immer weiter. Warum? Warum ich? Es kommt keine Antwort.

Bis ein Sturm aufzieht. Aus diesem Sturm spricht , und Hiob denkt: Jetzt erfahre ich es endlich. Aber Gott gibt keine Antwort. Er stellt Fragen.

Wo warst du, als die Erde gemacht wurde? Weißt du, wo der Schnee aufbewahrt wird? Kannst du einen Wildesel zähmen?

Fast hundert Fragen. Und nicht eine einzige Antwort.

Und als der Sturm sich legt, ist Hiob ruhig.

Bei Pech suchen wir einen Grund, denn ein Grund macht die Welt wieder sicher. Hiobs Freunde trösten Hiob nicht. Sie trösten sich selbst.

Themen

Zu heute

Kommt dir das bekannt vor?

Einem Kind aus deiner Klasse passiert etwas ganz Schlimmes. Und auf dem Schulhof sagt jemand: "Na ja, sein Vater fährt auch immer viel zu schnell."

Solche Sätze sagen wir, weil wir Angst haben. Wenn es einen Grund gibt, kann es uns nicht passieren. Aber es gibt nicht immer einen Grund.

Und dann dieser andere Moment. Du stehst neben jemandem, der traurig ist, und weißt nicht, was du sagen sollst. Alle Sätze, die dir einfallen, klingen blöd. Also sagst du gar nichts und gehst weiter.

Dabei brauchte diese Person vielleicht gar keinen Satz. Nur jemanden, der sitzen blieb.

Sich zu ihm setzen? Keine Zeit dafür. Ich denke einfach: Zum Glück bin ich das nicht, und mache schön mit meinem Tag weiter!

Schau mal in den Spiegel:

  • Wann wusstest du nicht, was du zu jemandem mit Kummer sagen solltest?
  • Wann hast du insgeheim gedacht: Das hat er auch ein bisschen sich selbst zu verdanken?
  • Willst du jemanden, der es erklärt, oder jemanden, der neben dir sitzen bleibt?

Spiegelsatz

Am liebsten würde ich denken: Zum Glück bin ich das nicht, aber ich habe gelernt, dass man mit der Suche nach einem Grund meistens sich selbst tröstet, nicht den anderen.

Aus dem Buch

Der Nörgler in der Sonne

sagt zu Jona: Geh nach . Das ist die Stadt des Feindes, und Jona hat keine Lust. Also geht er genau in die andere Richtung.

Ein Sturm zieht auf. Er wird über Bord geworfen, ein riesiger Fisch verschluckt ihn, und drei Tage später spuckt der ihn am Strand wieder aus.

Dann geht er doch nach Ninive. Er sagt einen einzigen Satz. Und zu seinem Erstaunen hört die ganze Stadt zu. Alle sagen sorry und ändern ihr Verhalten.

Es geht also fantastisch aus. Und Jona ist wütend.

Er setzt sich außerhalb der Stadt auf einen Hügel und schmollt. Über seinem Kopf wächst eine Pflanze, die ihm Schatten spendet, und darüber ist er überglücklich. Aber am nächsten Morgen nagt ein kleiner Wurm den Stängel durch. Die Pflanze verdorrt, die Sonne brennt, und Jona will nicht mehr weiterleben.

Dann stellt Gott ihm die letzte Frage: Du bist am Boden zerstört wegen einer kleinen Pflanze, die du nicht mal selbst gepflanzt hast. Und all die Tausenden von Menschen dann?

Das Buch hört genau da auf. Wir erfahren nie, was Jona geantwortet hat.

Jona ist nicht wütend, weil etwas Schlimmes passiert. Er ist wütend, weil etwas Gutes passiert — mit den falschen Leuten.

Themen

Zu heute

Kommt dir das bekannt vor?

Es gibt ein Kind in deiner Klasse, das schon das ganze Jahr über gemein ist. Du weißt genau, wer er ist. Das ist der Fiesling. Fertig.

Und dann entschuldigt er sich einmal, und die Lehrerin sagt, er darf wieder mitmachen. Alle sind froh. Und du stehst daneben und fühlst etwas Seltsames: Es nervt dich. Du hoffst eigentlich ein bisschen, dass er es wieder verbockt.

Das liegt nicht daran, dass du gemein bist. Es liegt daran, dass du ihm schon einen festen Platz in deinem Kopf gegeben hattest, und dieser Platz passt jetzt nicht mehr.

Sich für ihn freuen? Vergiss es. Ich hoffe insgeheim, dass er es wieder verbockt, genau jetzt, wo es endlich gut läuft!

Schau mal in den Spiegel:

  • Wer hat bei dir einen festen Platz im Kopf? Stimmt dieser Platz noch?
  • Wann hat es dich genervt, dass jemand anderem etwas Schönes passiert ist?
  • Worüber hast du dich diese Woche am meisten geärgert? War das auch das Wichtigste, was diese Woche passiert ist?

Spiegelsatz

Am liebsten würde ich hoffen, dass er es wieder verbockt, aber ich habe gelernt, dass ich ihn dann immer noch auf dem Platz festhalte, den ich ihm einmal gegeben habe — auch wenn er da längst nicht mehr hinpasst.

Aus 4

Der schnelle Weg

ist vierzig Tage allein in der Wüste. Kein Essen, keine Menschen, nur Sand und seine eigenen Gedanken. Er ist erschöpft und hat großen Hunger.

Und dann kommt der Teufel neben ihm hergelaufen. Er klingt freundlich, und er hat drei Vorschläge. Das Gerissene daran: Alle drei klingen ziemlich vernünftig.

Du hast Hunger. Schau, überall Steine. Mach Brot daraus.

Stell dich auf die höchste Spitze des Tempels und spring. Engel werden dich auffangen, und die ganze Stadt sieht es. Dann weiß sofort jeder, wer du bist.

Schau dir alle Länder der Welt an. Noch heute können sie dir gehören. Du musst dich nur kurz verbeugen.

Dreimal sagt er nein. Nicht weil Essen oder gesehen werden oder etwas zu sagen haben schlecht sind. Sondern weil er sie nicht auf diese Weise haben will.

Dann ist der Teufel weg. Und er steht immer noch da. Mit Hunger. Und muss einfach weiterlaufen.

Eine Versuchung dreht sich nie um etwas, das du nicht willst. Sie dreht sich immer um etwas, das du dir gerade sehr wünschst — nur eben zu schnell.

Themen

Zu heute

Kommt dir das bekannt vor?

Du spielst schon seit Tagen dasselbe Level und schaffst es einfach nicht. In der App siehst du: Kauf dieses Upgrade, und du hast es sofort. Du kaufst es. Du gewinnst. Aber schon nach ein paar Minuten ist der Spaß vorbei, denn eigentlich hast du gar nichts gewonnen — und du bist auch noch Geld los.

Oder du machst ein Referat über Vulkane und fügst einen Textabschnitt ein, den du selbst nicht verstehst. Du bekommst eine gute Note. Und wenn dich danach jemand etwas zu deinem eigenen Referat fragt, weißt du kurz nicht, wo du hinschauen sollst.

Die Abkürzung funktioniert fast immer. Nur du weißt, wie du dahin gekommen bist.

Es sich ehrlich verdienen? Warum sollte ich. Ich kauf's einfach und tue so, als hätte ich es selbst geschafft!

Schau mal in den Spiegel:

  • Wann hast du zuletzt die Abkürzung genommen? Was hat es dir gebracht, und was hat es dich gekostet?
  • Was würdest du am allerliebsten können, ohne dafür üben zu müssen?
  • Wenn du sicher wüsstest, dass es nie jemand herausfindet — würdest du dann schummeln? Denk wirklich kurz nach, bevor du nein sagst.

Spiegelsatz

Am liebsten würde ich es einfach kaufen, aber ich habe gelernt, dass die Abkürzung dir nie die Befriedigung von etwas gibt, das du dir selbst verdient hast.

Aus 5

Die Bremse rein

sitzt an einem Berghang, mit einer großen Menschenmenge um sich herum. Er beginnt über eine Regel zu sprechen, die jeder kennt: Auge um Auge. Tut dir jemand weh, darfst du ihm genau so viel Schmerz zufügen. Fein abgemessen.

Und dann sagt er etwas Merkwürdiges. Bekommst du einen Schlag auf die eine Wange? Dann halt ihm die andere hin.

Er gibt noch so ein Beispiel. Damals durfte ein Soldat dich zwingen, seine Tasche eine zu tragen. Jesus sagt: Trag sie zwei Meilen.

Das ist kein schwaches Aufgeben. Es ist etwas anderes. Solange du automatisch zurückschlägst, bestimmt der andere, was du tust. In dem Moment, in dem du etwas tust, das er nicht kommen sah, bist wieder du derjenige, der entscheidet.

Zurückschlagen fühlt sich stark an, aber eigentlich ist es Gehorsam. Der andere drückt auf einen Knopf, und du tust brav, was er erwartet.

Themen

Zu heute

Kommt dir das bekannt vor?

Dein kleiner Bruder pikt dich in die Seite. Du pikst zurück. Innerhalb einer Minute ist Krieg auf der Rückbank.

Machst du einmal überhaupt nichts — nicht seufzen, nicht schauen, nichts —, passiert etwas Seltsames. Er pikt noch einmal. Und dann hört es auf. Der Spaß war deine Reaktion.

Aber das funktioniert nicht immer. Bei Necken fast immer. Bei echtem Mobbing, Tag für Tag, funktioniert es nicht, und es ist auch nicht deine Aufgabe, das allein zu lösen. Dann ist der stärkste Zug nicht die andere Wange, sondern jemanden zu holen.

Das ist kein Petzen und keine Schwäche. Du holst dir jemanden dazu, der größer ist als das Problem.

Ruhig bleiben? Von wegen. Ich schlage knallhart zurück — mit Zinsen!

Schau mal in den Spiegel:

  • Wann half es dir, nichts zurückzutun, und wann wurde es dadurch gerade schlimmer?
  • Wann warst du derjenige, der weiter gepiekst hat, bis der andere wütend wurde?
  • Wen würdest du dazuholen, wenn du es allein nicht mehr schaffst?

Spiegelsatz

Am liebsten würde ich knallhart zurückschlagen, aber ich habe gelernt, dass wer automatisch zurückschlägt, immer noch das tut, was der andere wollte.

Aus 7

Der Splitter in deinem Auge

erzählt einen Witz. Wirklich, er ist als Scherz gemeint.

Stell dir jemanden vor, der zu seinem Nachbarn sagt: Warte mal, da ist ein Splitter in deinem Auge, lass mich den kurz rausholen.

Nur hat dieser Mann selbst einen Balken in seinem eigenen Auge. Einen ganzen Balken. Ein Brett von einem Dach.

Die Leute, die es hören, müssen lachen, denn das Bild ist lächerlich. So jemand sieht überhaupt nichts. Mit diesem Balken kommt er nicht mal in die Nähe des anderen Auges.

Und dann kommt der Satz, der den Witz umdreht: Nimm erst den Balken bei dir selbst weg. Dann siehst du erst scharf genug, um deinem Nachbarn wirklich zu helfen.

Die Fehler anderer zu sehen ist einfach, und es fühlt sich gut an. Solange du auf den Splitter eines anderen zeigst, muss niemand auf deinen Balken schauen. Du selbst auch nicht.

Themen

Zu heute

Kommt dir das bekannt vor?

Du rufst laut durchs Haus, dass deine Schwester ihre Schuhe schon wieder mitten in den Flur geschmissen hat. Während dein eigenes Zimmer aussieht, als wäre da etwas explodiert.

Oder in der Schule. Du findest es total unmöglich, dass jemand ständig der Lehrerin ins Wort fällt, und du erzählst es zwei anderen. Was du dabei kurz nicht mitrechnest: dass du gestern genau dasselbe gemacht hast.

Das Merkwürdige ist, dass du es bei dir selbst nicht siehst. Nicht weil du lügst. Sondern weil du dich selbst von innen betrachtest und den anderen von außen. Bei dir selbst weißt du, warum du es getan hast. Beim anderen siehst du nur, was er getan hat.

Auf mich selbst schauen? Ich glaube nicht. Ich zeige lieber auf ihr Chaos und lass meinen eigenen Balken schön stehen, wo er ist!

Schau mal in den Spiegel:

  • Wobei bist du bei jemand anderem streng, obwohl du es selbst auch tust?
  • Was würde deine Schwester oder dein Bruder sagen, wenn jemand fragte: Was macht er eigentlich nervig?
  • Wen würdest du das zu fragen wagen?

Spiegelsatz

Am liebsten würde ich nur auf ihr Chaos zeigen, aber ich habe gelernt, dass ich selbst auch einen Balken habe — ich sehe ihn nur nie.

Aus 19

Der volle Rucksack

Ein junger Mann kommt zu . Er ist reich, er ist nett, und er gibt sich wirklich Mühe. Er fragt: Was muss ich noch tun, um gut zu leben?

Wahrscheinlich erwartet er zu hören, dass er das schon prima macht.

Aber die Antwort ist: Verkauf alles, was du hast, verschenk es, und komm mit.

Der junge Mann steht da. Er sagt nichts zurück. Er dreht sich um und geht weg. Und da steht ein kleiner Satz, der die ganze Geschichte trägt: Er ging traurig weg, denn er besaß sehr viel.

Er ist nicht wütend. Er ist traurig. Er will schon. Aber seine Sachen halten ihn fester, als er sie hält.

Wir denken, dass Sachen uns freier machen. Aber alles, was du hast, musst du auch bewachen und sauber halten und darfst es nicht verlieren.

Themen

Zu heute

Kommt dir das bekannt vor?

Du bekommst etwas Neues, worüber du total glücklich bist. Und den Rest des Tages hast du vor allem Angst darum. Du nimmst es nicht mit nach draußen, weil es sonst runterfällt. Du lässt niemanden es anfassen.

Draußen rufen sie, ob du beim Hüttenbauen mithilfst. Und du sitzt drinnen und passt auf dein neues Ding auf.

Oder dein Koffer fürs Zeltlager. Du stopfst ihn voll mit allem, was du vielleicht brauchen könntest, und auf dem Hinweg schleppst du dich halbtot. Die Hälfte kommt nie zum Einsatz.

Teilen? Auf keinen Fall. Ich lade meinen ganzen Kram bei jemand anderem ab, dann reise ich schön leicht!

Schau mal in den Spiegel:

  • Was hast du, das du eher bewachst als benutzt?
  • Wann bist du drinnen geblieben, weil du dich nicht getraut hast, etwas mitzunehmen?
  • Wenn du jetzt genau ein Ding weggeben müsstest, was wäre das? Nicht die einfachste Antwort — die ehrliche.

Spiegelsatz

Am liebsten würde ich einfach alles behalten, aber ich habe gelernt, dass Sachen dich nicht freier machen — du musst sie auch bewachen, sauber halten und darfst sie nicht verlieren.

Aus 10

Der Held aus dem falschen Lager

Jemand fragt : Wem muss ich eigentlich helfen? Wer gehört zu mir?

Jesus antwortet mit einer Geschichte. Ein Mann geht über eine einsame Straße und wird überfallen. Sie schlagen ihn nieder und lassen ihn halbtot am Straßenrand liegen.

Es kommt jemand Wichtiges vorbei. Er sieht den Mann liegen, wechselt die Straßenseite und geht auf der anderen Seite weiter. Kurz darauf kommt noch so jemand. Auch der wechselt die Seite.

Dann kommt ein vorbei. Und das ist nun genau jemand aus dem falschen Lager: Die Menschen, die dieser Geschichte zuhören, können Samariter überhaupt nicht ausstehen.

Er hält an. Er versorgt die Wunden, setzt den Mann auf seinen eigenen Esel, bringt ihn zu einer und bezahlt für ihn.

Am Ende dreht Jesus die Frage um. Nicht: Wer gehört zu dir? Sondern: Wer wurde hier zu einem ?

Die Frage war: Wer verdient meine Hilfe? Darauf kommt keine Antwort. Die Frage wird durch eine andere ersetzt: Wer wirst du, wenn da jemand liegt?

Themen

Zu heute

Kommt dir das bekannt vor?

Auf dem Schulhof fällt jemand richtig hart hin. Nicht irgendwer: Das ist dieses coole Kind, das dir letzte Woche noch fies gekommen ist. Dein erster Gedanke ist: selbst schuld.

Du bleibst stehen. Und in diesen paar Sekunden fallen dir drei Gründe ein, um weiterzugehen. Du kommst zu spät. Es stehen schon andere dabei. Und er will bestimmt gar nicht, dass ausgerechnet du ihm hilfst.

Diese Gründe sind nicht gelogen. Sie stimmen alle drei ein bisschen.

Genau das macht sie so praktisch.

Anhalten und helfen? Warum sollte ich. Er würde mir doch bestimmt auch nicht helfen!

Schau mal in den Spiegel:

  • Wem würdest du nie helfen? Denk wirklich kurz nach. Du musst es niemandem sagen.
  • Welchen Grund benutzt du am häufigsten, um weiterzugehen?
  • Wer hat dir mal geholfen, als du das überhaupt nicht erwartet hattest?

Spiegelsatz

Am liebsten würde ich einfach weitergehen, aber ich habe gelernt, dass die Frage nicht ist, wer meine Hilfe verdient, sondern wer ich werde, wenn da jemand liegt.

Aus 15

Das ungerechte Fest

Ein Vater hat zwei Söhne. Der jüngste will nicht warten und verlangt schon jetzt seinen Anteil vom Geld. Er zieht los, gibt alles aus, und behält nichts übrig. Am Ende arbeitet er zwischen den Schweinen und hat solchen Hunger, dass er das Schweinefutter essen will.

Er beschließt zurückzugehen und übt unterwegs seine Entschuldigung.

Aber sein Vater sieht ihn schon von Weitem kommen. Er hat also Ausschau gehalten. Er rennt ihm entgegen, und es gibt ein Fest. Musik, Essen, alles.

Der älteste Sohn ist auf dem Feld. Er hört die Musik, er hört, was los ist, und er weigert sich hineinzugehen. All die Jahre, sagt er, habe ich hier gearbeitet. Und ich habe nie ein Fest bekommen.

Dann geht der Vater auch nach draußen. Zu ihm.

Was der älteste Sohn danach getan hat, steht nicht dabei.

Der Vater geht zweimal nach draußen. Einmal für das Kind, das wegging, und einmal für das Kind, das blieb.

Themen

Zu heute

Kommt dir das bekannt vor?

Dein kleiner Bruder macht etwas kaputt und bekommt eine Umarmung. Du hast letzte Woche Ärger bekommen für etwas viel Kleineres. Du sagst nichts dazu, aber es setzt sich schon etwas in dir fest.

Oder das hier: Jemand, der das ganze Jahr nichts für die Gruppenarbeit getan hat, bekommt bei der Präsentation genau dieselben Komplimente wie du, der drei Abende drangesessen hat.

In so einem Moment bist du der älteste Bruder. Du hast nichts falsch gemacht — das ist genau der Punkt. Du hast alles richtig gemacht, und es scheint, als hätte niemand es gesehen.

Das ist eine einsame Art von Wut.

Sich für ihn freuen? Nö. Ich gebe ihm ein Fest, das er nie vergisst!

Schau mal in den Spiegel:

  • Wann hattest du das Gefühl, dass niemand gesehen hat, dass du es gut gemacht hast?
  • Wann warst du derjenige, der das Fest bekam, ohne es verdient zu haben?
  • Was möchtest du hören, wenn du draußen stehst und drinnen die Musik angeht?

Spiegelsatz

Am liebsten würde ich sagen, dass mir das Fest nichts ausgemacht hat, aber ich habe gelernt, dass du ruhig eifersüchtig auf ein Fest sein darfst — solange du es auch mal laut aussprichst.

Aus 4

Die kluge Frage

Es ist mitten am Tag und brütend heiß. ist müde vom Laufen und setzt sich an einen Brunnen.

Eine Frau kommt, um Wasser zu holen. Das ist merkwürdig, denn niemand holt Wasser in der größten Hitze des Tages. Wahrscheinlich kommt sie gerade dann, weil dann niemand da ist.

Und dann passiert etwas, das sich überhaupt nicht gehört. Er fragt sie etwas. Gib mir doch etwas zu trinken.

Das klingt klein, aber das ist es nicht. Sie gehört zum falschen Volk, sie ist allein, und eigentlich sollte er so tun, als würde er sie nicht sehen. Stattdessen bittet er sie um Hilfe — denn sie hat den Eimer, und er nicht.

Sie kommen ins Gespräch. Es wird das längste Gespräch, das im ganzen Buch von ihm beschrieben wird. Und danach erzählt sie es der ganzen Stadt.

Er beginnt nicht damit, etwas zu geben. Er beginnt damit, etwas zu fragen. Dadurch steht sie nicht ganz unten.

Themen

Zu heute

Kommt dir das bekannt vor?

In deiner Klasse sitzt jemand, mit dem du nie redest. Nicht weil du etwas gegen ihn hast. Es hat sich einfach nie ergeben, und inzwischen wäre es komisch, damit anzufangen.

Wenn du nett sein willst, denkst du meistens ans Geben. Du fragst, ob er mitmachen will. Das ist lieb gemeint, aber es sagt auch: Ich stehe drinnen, du stehst draußen, und ich lasse dich rein.

Es gibt etwas, das besser funktioniert und sogar einfacher ist. Frag ihn etwas. Ob du seinen Radiergummi ausleihen darfst. Ob er weiß, wie du dieses eine Level schaffst.

Wer etwas fragt, macht den anderen für einen Moment zu demjenigen, der helfen kann.

Ein Gespräch anfangen? Viel zu viel Aufwand. Ich schaue einfach nie in die Richtung!

Schau mal in den Spiegel:

  • Mit wem in deiner Klasse hast du eigentlich nie geredet? Woran liegt das?
  • Was könntest du diese Person fragen, statt ihr etwas zu geben?
  • Wann warst du das Kind, das mitmachen durfte? Wie hat sich das angefühlt?

Spiegelsatz

Am liebsten würde ich einfach nie hinschauen, aber ich habe gelernt, dass man nicht gemein sein muss, um jemanden trotzdem nie zu sehen.

Aus 8

Wer traut sich zu werfen?

Eine große Gruppe Menschen kommt an und schiebt eine Frau vor sich her. Sie hat etwas getan, das nicht erlaubt war, und nach den Regeln jener Zeit darf sie dafür mit Steinen beworfen werden.

Sie stellen sie mitten in den Kreis. Jeder kann sie sehen. Und dann fragen sie : Und, was hältst du davon?

Er sagt nichts. Er bückt sich und schreibt mit dem Finger etwas in den Sand. Was er schrieb, steht nicht dabei. Niemand weiß es.

Sie fragen weiter. Dann richtet er sich auf und sagt einen einzigen Satz: Wer von euch selbst noch nie etwas falsch gemacht hat, darf den ersten Stein werfen.

Und dann bückt er sich wieder und schreibt weiter.

Es wird still. Und einer nach dem anderen geht weg. Die Ältesten zuerst.

In einer Gruppe traust du dich Dinge, die du allein nie tun würdest. Sobald jemand dich bittet, kurz nach innen zu schauen, fällt die Gruppe auseinander.

Themen

Zu heute

Kommt dir das bekannt vor?

Auf dem Schulhof fängt jemand über einen Klassenkameraden an. Es kommt eine zweite Bemerkung. Dann eine dritte, mit einem fiesen Witz obendrauf. Innerhalb von zwei Minuten machen fast alle mit.

Du sagst auch etwas. Nicht das Schlimmste — du bist schlauer, du sagst etwas Lustiges. Alle lachen. Das fühlt sich gut an.

Abends im Bett denkst du noch einmal daran. Allein, ohne das Gelächter drum herum, klingt dein Satz plötzlich ganz anders.

Das Merkwürdige an einer Gruppe ist, dass sich niemand verantwortlich fühlt. Jeder denkt: Ich habe nur ein kleines Stückchen beigetragen. Zusammengezählt war es kein kleines Stückchen.

Dich nicht trauen zu werfen? Sag das doch einfach. Gib mir ruhig den größten Stein!

Schau mal in den Spiegel:

  • Was war das Letzte, was du über jemanden weitererzählt hast, obwohl du es genauso gut für dich hättest behalten können?
  • Was weiß jemand über dich, von dem du nicht willst, dass es auf dem ganzen Schulhof herumerzählt wird?
  • Wer könnte bei dir dafür sorgen, dass du aufhörst? Und du bei wem?

Spiegelsatz

Am liebsten hätte ich nur diesen einen Witz gemacht, aber ich habe gelernt, dass eine Gruppe dich nie verantwortlich fühlen lässt — auch wenn du es warst.

Aus 26 und 22

Die Nacht, in der alle wegliefen

weiß, dass etwas Schlimmes passieren wird. Beim letzten Essen mit seinen Freunden sagt er es laut: Gleich lasst ihr mich alle allein.

wird fast wütend. Ich nicht. Niemals.

Später an diesem Abend sitzt Jesus in einem Garten, und er hat Angst. Wirklich Angst. Er bittet seine drei besten Freunde, wach bei ihm zu bleiben. Als er zurückkommt, schlafen sie. Er weckt sie. Als er wieder zurückkommt, schlafen sie schon wieder.

Dann kommen die Soldaten. Und dann rennen alle weg.

Nur Petrus folgt aus der Ferne, bis zu einem Innenhof, wo ein kleines Feuer brennt. Jemand schaut ihn an und sagt: Du gehörtest doch zu ihm? Nein. Kurz darauf noch einmal. Ich kenne diesen Mann nicht. Und ein drittes Mal. Ich weiß nicht, wovon du redest.

Dann kräht ein Hahn. Petrus steht auf, geht nach draußen und weint.

Was danach passiert, ist das Schlimmste. Jesus wird getötet. Seine Freunde sind nicht dabei; ein paar Frauen stehen aus der Ferne zu und schauen zu. Er wird in ein Grab gelegt, und ein Stein wird davor gerollt.

Und am dritten Tag ist dieses Grab leer.

Petrus lügt nicht, weil er schlecht ist. Er lügt, weil er Angst hat, und das ist ein ganz gewöhnlicher Grund.

Themen

Zu heute

Kommt dir das bekannt vor?

Du hast einen Freund von früher. Ihr habt tausendmal zusammen gespielt. Aber in der Schule gehört er nicht zu der Gruppe, zu der du jetzt gehörst.

Und dann steht er plötzlich neben dir auf dem Schulhof, wo alle dabei sind. Jemand fragt lachend: Ist das ein Freund von dir? Und du zuckst mit den Schultern und sagst: Geht so.

Du hast nicht gelogen, findest du selbst. Du hast es nur kurz kleiner gemacht. Aber er hat es gehört, und du weißt, dass er es gehört hat, und den Rest des Tages liegt es dir im Magen.

hat es dreimal an einem einzigen Abend gemacht. Und er war wirklich der beste Freund, den es gab.

Ehrlich sagen, dass ich mit ihm abhänge? Lass ich lieber bleiben. Sonst wissen sie gleich, dass ich auch ein Trottel bin!

Schau mal in den Spiegel:

  • Wann hast du eine Freundschaft kurz kleiner gemacht, weil andere dabeistanden?
  • Wann brauchte dich jemand, und du bist eingeschlafen, oder hast gerade kurz weggeschaut?
  • Wer würde bei dir bleiben, wenn es wirklich schiefginge? Weiß diese Person das von dir?

Spiegelsatz

Am liebsten würde ich sagen, dass er nicht wirklich mein Freund war, aber ich habe gelernt, dass ich das meistens nur sage, wenn ich selbst Angst habe — und das ist ein ganz gewöhnlicher Grund.

Aus 20

Trau dich zu fragen

Nach allem, was passiert ist, sitzen die Freunde zusammen hinter einer verschlossenen Tür. Sie haben Angst.

ist dieses Mal nicht dabei. Als er zurückkommt, redet jeder durcheinander: Wir haben ihn gesehen.

Thomas glaubt es nicht. Er sagt: Ich will es selbst sehen. Ich will es mit meinen eigenen Händen fühlen. Sonst nicht.

Das ist ein mutiger Satz, denn er steht damit ganz allein da. Alle seine Freunde sagen etwas anderes als er.

Eine Woche später ist er dabei. Und dann hört er: Komm nur. Schau nur. Fühl nur.

Es steht nicht dabei, ob Thomas das dann auch wirklich getan hat. Nur, dass er nicht mehr zweifelte.

Er hat davon einen Spitznamen behalten, der überhaupt keinen Sinn ergibt: der ungläubige Thomas. Dabei war er der Einzige, der laut sagte, was er dachte.

Dieser Spitzname wird ihm nicht gerecht. Thomas sagte einfach laut, was er dachte, genau in dem Moment, als alle anderen schon etwas anderes glaubten.

Themen

Zu heute

Kommt dir das bekannt vor?

In der Schule geht eine Geschichte um. Jemand hat etwas getan, oder es wird etwas passieren, und alle wissen es genau. Fragst du, woher sie das haben, sagt jemand: von Sem gehört. Und Sem hat es von jemand anderem.

Wenn du dann fragst, "weißt du das sicher?", schauen sie dich an, als würdest du nerven. Mitnicken ist einfacher.

Und dann die andere Seite. Du sitzt in der Klasse und verstehst die Aufgabe nicht. Du schaust dich um, und niemand meldet sich. Also du auch nicht. Hinterher stellt sich heraus, dass die halbe Klasse es nicht verstanden hat.

Wer etwas fragt, fragt es meistens für mehr Leute als nur sich selbst.

Fragen stellen? Zeitverschwendung. Ich nicke schön überall mit und nenne ihn den Komischen von allen!

Schau mal in den Spiegel:

  • Wann hast du mitgenickt, obwohl du es eigentlich nicht geglaubt hast?
  • Was traust du dich nicht zu fragen in der Klasse? Was würde wirklich passieren, wenn du es doch tätest?
  • Wer in deiner Umgebung stellt die Fragen, die du dich nicht traust zu stellen?

Spiegelsatz

Am liebsten würde ich mitnicken, ohne etwas zu verstehen, aber ich habe gelernt, dass wer sich traut, eine Frage zu stellen, das meistens für mehr Leute tut als nur für sich selbst.

Aus 2

Eine wundersame Sprachlektion

Die Freunde sitzen alle zusammen in einem Haus. Plötzlich ertönt ein Geräusch wie von starkem Wind, und es ist, als stünden kleine Flammen über ihren Köpfen.

Sie gehen nach draußen, auf die Straße. In der Stadt herrscht Gedränge. Es sind Menschen aus allen Himmelsrichtungen da.

Und dann kommt der wundersame Teil. Die Freunde reden, und jeder, der es hört, hört es in seiner eigenen Sprache. Nicht: Alle sprechen plötzlich dieselbe Sprache. Jeder hört es in der Sprache von zu Hause.

Die Menschen verstehen überhaupt nichts. Manche sagen: Die haben zu viel getrunken. Später erzählen die Freunde, dass es der war, der über sie gekommen ist.

Weißt du noch, dieser Turm von früher in diesem Buch? Da ging es schief, als alle gleich waren und trotzdem nicht mehr zuhörten. Hier passiert genau das Gegenteil.

Jeder bleibt genau, wer er ist, mit seiner eigenen Sprache. Und gerade dadurch verstehen sie einander.

Themen

Zu heute

Kommt dir das bekannt vor?

Ein neues Kind kommt in die Klasse, das noch fast kein Deutsch spricht. Und die ganze Klasse fängt an, langsam und laut zu reden, als wäre er ein bisschen taub.

Dann gibt es einen, der etwas anderes macht. Der setzt sich neben ihn und zeigt auf Dinge. Oder zeichnet es kurz. Oder lernt drei Wörter in seiner Sprache und spricht sie total falsch aus, worüber alle lachen müssen — er auch.

Das funktioniert. Nicht weil es praktischer ist, sondern weil dieser eine nicht darauf gewartet hat, dass der andere so wird wie er.

Sich ruhig anpassen? So viel Mühe. Ich stampfe es ihm einfach ins Ohr, wenn es sein muss!

Schau mal in den Spiegel:

  • Mit wem redest du manchmal lauter oder langsamer, als nötig ist?
  • Was kannst du, das sonst niemand in deiner Klasse kann? Wer weiß das eigentlich?
  • Welche drei Wörter würdest du gerne in der Sprache von jemand anderem lernen?

Spiegelsatz

Am liebsten würde ich einfach lauter reden, aber ich habe gelernt, dass man sich nicht besser versteht, indem man die Stimme erhebt — nur indem man etwas anderes macht als der Rest.

Aus 9

Der Feind im Dunkeln

ist ein gefährlicher Mann. Er jagt die Freunde von und sorgt dafür, dass sie festgenommen werden. Jeder kennt seinen Namen, und jeder hat Angst vor ihm.

Auf dem Weg nach passiert etwas. Ein grelles Licht erscheint, und er fällt zu Boden. Er hört eine Stimme, die seinen Namen sagt und fragt: Warum tust du mir das an? Als er sich aufrichtet, kann er nichts mehr sehen. Drei Tage sitzt er im Dunkeln. Er isst nicht, und er trinkt nicht.

In derselben Stadt wohnt . sagt zu ihm: Geh zu Saulus.

Ananias erschrickt sich zu Tode und sagt es einfach laut. Wissen Sie überhaupt, wer das ist? Ich habe gehört, was dieser Mann tut. Er ist hierhergekommen, um uns abzuholen.

Aber er geht. Er betritt das Haus, legt seine Hände auf die Schultern des gefährlichsten Mannes, den er kennt, und sagt: Saul, mein Bruder.

Saulus verändert sich im Dunkeln, aber nicht allein. Es musste jemand hineingehen, der genauso viel Angst hatte, wie du sie hättest.

Themen

Zu heute

Kommt dir das bekannt vor?

Das Kind, das dich das ganze Jahr gemobbt hat, kommt zu dir und sagt sorry.

Du glaubst kein Wort davon. Das ist auch nicht verwunderlich — du hast hundertmal erlebt, dass er nett war und danach wieder nicht. Dein Gesicht sagt schon Nein, bevor du etwas gesagt hast.

Und hier steckt etwas Schwieriges. Jemand, der sich verändern will, kann das fast nie allein. Er braucht jemanden, der ihm schon einmal glaubt, obwohl es noch überhaupt nicht sicher ist.

Das musst nicht du sein. Wenn er dich die ganze Zeit gemobbt hat, ist das wirklich nicht deine Aufgabe. Aber irgendjemand muss es tun, sonst bleibt er genau der, der er war.

Ihm noch eine Chance geben? Einmal ein Lügner, immer ein Lügner. Das weiß ich am besten!

Schau mal in den Spiegel:

  • Wer hat dir mal geglaubt, als du selbst noch nicht sicher warst?
  • Wer wartet vielleicht noch auf eine zweite Chance von dir? Willst du sie geben?
  • Wenn du morgen etwas ganz anderes tun würdest als sonst, wer würde das als Erstes glauben?

Spiegelsatz

Am liebsten würde ich ihm nie wieder vertrauen, aber ich habe gelernt, dass wer sich wirklich verändern will, sich fast nie allein verändert — er braucht jemanden, der ihm schon einmal glaubt.

Nachwort

Den Spiegel weglegen

Das waren sie. Geschichten, manche davon Jahrtausende alt.

Was auffällt, wenn du sie hintereinander liest, ist, wie wenig sich Menschen verändert haben. Sie waren eifersüchtig auf ihren Bruder. Sie gingen weiter, während jemand dalag. Sie taten so, als würden sie ihren Freund nicht kennen, als es brenzlig wurde.

Das ist vielleicht kein fröhlicher Gedanke. Aber es ist ein beruhigender. Was du fühlst, ist nicht seltsam und nicht neu.

Die Geschichten lösen nichts für dich. Sie helfen dir nur, dich selbst etwas klarer zu sehen.

Zurück zum gewöhnlichen Leben

Kleine Arbeit

Die eigentliche Arbeit beginnt, wenn du dieses Buch zuklappst. Eine gemeine Bemerkung runterschlucken. Jemanden aufsuchen, der allein dasteht. Einmal nicht zurückschlagen. Fragen: Bist du dir da sicher?

Viel mehr ist es nicht.

Schau noch einmal in den Spiegel:

  • Welche Geschichte nimmst du mit in deinem Rucksack?
  • Was machst du morgen ein kleines bisschen anders?
  • Wer bist du, wenn du in den Spiegel schaust?

Meine Geschichte

Was hast du erlebt?

Alle Geschichten in diesem Buch wurden einmal von jemandem aufgeschrieben, weil etwas passiert war, das er nicht vergessen wollte.

Jetzt bist du dran.

Schreib hier etwas auf, das dir passiert ist. Es muss nichts Besonderes sein.

In ein paar tausend Jahren ist auch das eine alte Geschichte.

Meine Geschichte

Das ist passiert, und so bin ich damit umgegangen:

Ich fühlte mich vor allem…

Für Eltern und Betreuer

Für alle, die mitlesen

Dieses Buch stellt Fragen, auf die es keine richtige Antwort gibt. Das ist keine Bescheidenheit; das ist die Absicht.

Verbessere die Antwort nicht. Wenn ein Kind sagt, es sei nicht eifersüchtig gewesen, obwohl du gesehen hast, dass es das war, lass es einfach so stehen. Die Frage hat ihre Wirkung schon getan, in dem Moment, in dem sie gestellt wurde.

Schweigen ist auch eine Antwort. Manchmal bedeutet "ich weiß nicht" einfach: nicht jetzt, und nicht bei dir.

Für Eltern und Betreuer

Noch zwei Dinge

Antworte auch selbst ehrlich. Kinder sprechen erst dann ehrlich, wenn zuvor jemand ehrlich zu ihnen war. Ein Erwachsener, der zugibt, selbst einmal weitergegangen zu sein, bewirkt mehr als zehn Fragen.

Und achte auf den richtigen Zeitpunkt. Ein Kind darf selbst ein Kapitel aufsuchen nach einem miesen Tag; genau dafür ist dieses Buch da. Aber wenn du es aufbringst, zehn Minuten nach dem Streit, um den es eigentlich geht, ist es kein Spiegel mehr. Dann ist es eine Predigt auf Umwegen. Warte einen Tag.

Danksagung

Danke, dass du bis hierhin gelesen hast

Dieses Buch begann als etwas für drei Kinder an meinem eigenen Tisch. Dass es jetzt auch zu dir gefunden hat, finde ich immer noch bemerkenswert.

Ich hoffe, irgendwo zwischen diesen Seiten war eine Geschichte, die etwas mit dir gemacht hat. Eine Frage, die hängen geblieben ist. Ein Spiegelsatz, den du ein zweites Mal gelesen hast.

Diese App ist kostenlos, damit sie so viele Kinder wie möglich erreichen kann — und das bleibt so.

Mit Dank

Macher der Spiegelbibel

Der Autor der Spiegelbibel ist Huibert Jan Versnel. Er wuchs im Herzen des niederländischen Bibelgürtels auf und besuchte eine öffentliche Schule an einem Ort, an dem für viele Religion den Alltag bestimmte. Obwohl seine eigenen Eltern nicht kirchlich waren und zu Hause nicht gebetet wurde, standen die universellen Werte der christlichen Tradition im Mittelpunkt seiner Erziehung.

Versnel selbst ist nicht religiös, sieht aber in den Geschichten der Bibel wertvolle Lektionen für unsere zersplitterte Gesellschaft. Er stellte dieses Buch als einen ehrlichen Versuch zusammen, der archetypischen Weisheit dieser uralten Texte eine praktische, moderne Bedeutung für alle zu geben — unabhängig vom eigenen Glauben.